Zu jener Zeit, als die drei Geschwister sich daran machten, Shaylin'saya zu erschaffen, begab es sich, dass jedem Wesen, dass einem ihrer Völker entstammte, eine bestimmte Lebensaufgabe gegeben wurde, die seinen Platz in der Welt bestimmen sollte. Kein anderes Wesen würde die gleichen Talente besitzen, wenn auch Ähnlichkeiten vorhanden waren. Zu diesem Zweck, gaben die Götter einen Teil ihrer magischen Kräfte an ihre Kinder weiter, gleich einem Samen, der in ihnen schlummerte, bis er durch eine Fügung schließlich zu der vollen Macht der Magie heranwachsen würde.
Allerdings nahm nicht jedes der Kinder diese Gabe auch wirklich an - manche weigerten sich, die Bestimmung der Götter als ihren Lebensweg anzusehen und gingen ihren eigenen Weg, bis die Magie in ihnen verkümmerte und schließlich erlosch. Wenn dies schließlich geschah, war die Magie für dieses Wesen auf ewige Zeit verloren und würde niemals wieder von den Göttern zum Leben erweckt werden - als Strafe dafür, dass das gottgegebene Talent mit Missachtung betrachtet worden war.

Und so ist dies auch noch heute, im Jahre 1242 seit der Entstehung des Orakels. Wann immer ein Kind der Götter auf einem der Kontinente Shaylin'sayas geboren wird, besitzt es die Lebensaufgabe und das Talent, die ihm von den Göttern geschenkt worden sind. Allerdings ist es seine freie Entscheidung, ob es dieses Talent auch nutzen möchte - eine Entscheidung, die ihm jedoch nicht alleine obliegt, denn die Treue zu seiner Gottheit spielt dabei eine große Rolle. Asha, Dianare und Syan verlangen absolute Treue und Hingabe als Gegenleistung für das Geschenk der Magie und sie dulden es nicht, wenn sie missachtet oder verraten werden. So würde also ein Magier alle seine Macht verlieren, wenn er mit seiner Gottheit bricht und könnte diese niemals wieder erlangen, außer wenn er eine Aufgabe absolviert, die ihm dann von seiner Gottheit gestellt wird und während der er seine absolute Treue beweisen muss. Es ist nahezu überflüssig, hier anzumerken, dass diese Aufgaben beinahe nicht zu bewältigen und sehr gefährlich für Geist und Körper sind. In der Tat ist nur ein einziger Fall bekannt, in dem es dem Magier Feyii'lar vom Volke der Tir'Ashela gelungen ist, diese Prüfung erfolgreich zu absolvieren - eine Geschichte, die heute eine wahrhaftige Legende ist, die gerne an Lagerfeuern erzählt wird. Auch hier ist es jedoch nötig anzumerken, dass diese Prüfung schwere Folgen für den Magier nach sich zog. So gilt er zwar noch heute als einer der größten Magier, die jemals über die Welt gewandelt sind, doch ebenso bekannt sind die Narben, die seinen ganzen Körper überzogen haben und das Augenlicht, das ihm Syan für alle Ewigkeit genommen hat.

Die Magie an sich ist ebenso launenhaft und unzuverlässig wie die Götter Shaylin'sayas selbst. So tut sie also nicht immer das, was der Magier von ihr verlangt, sondern nimmt ihren eigenen Weg, um das geschehen zu lassen, was dieser angedacht hatte. So manches Mal mag diesem das Ergebnis nicht gefallen und so schrecken viele Magier davor zurück, allzu mächtige Magie anwenden zu wollen. Denn je stärker der gewünschte Effekt sein soll, desto wahrscheinlicher wird es, dass die Launen der Magie äußerst verschlungene Pfade einschlagen.
Zudem braucht die große Magie Zeit in ihrer Vorbereitung. Es wird also niemals geschehen, dass ein großer Zauber in kürzester Zeit gewoben werden kann. Um Großes zu bewirken, müssen auch große Rituale ausgeführt werden, während denen Gebete an die Gottheit gesprochen werden und auch bestimmte Tätigkeiten ausgeführt werden müssen. Oftmals schließen sich auch mehrere Magier zusammen, um große Rituale auszuführen, was deren Wirkung natürlich verstärkt. Legendär ist hierbei sicherlich das große Ritual der Dar'sshin, das seinerzeit von den Priesterinnen der Asha im Tempel von Kir'Shemar ausgeführt worden ist und in dessen Verlauf der damalige Sonnenkönig Arun wieder zum Leben erweckt wurde, nachdem er in einer Schlacht eine tödliche Wunde davongetragen hatte. Bei diesem Ritual hatten zwanzig der mächtigsten Priesterinnen des Tempels ihre individuellen, magischen Kräfte vereint und noch immer gilt dieses Ritual als der größte Zauber, der jemals gewoben worden ist.
Dieses Geschehen enthält zudem eine wichtige Aussage - denn Magier sind gleichzeitig die Priesterschaft ihrer Gottheiten und werden auch als solche angesehen. Es ist nicht selten, dass sich einige von ihnen in Tempeln zu einer Gemeinschaft zusammenschließen, während andere es wiederum bevorzugen, ihr Leben in Einsamkeit ihrer Gottheit zu widmen.
Gebete sind ohnehin notwendig, um die Magie auszulösen und so bittet ein Magier also um ein Wunder und formuliert dieses während seines Gebetes an seine Gottheit, die es dann gewährt oder ablehnt.

Dies alles lässt vermuten, dass nahezu jedes Wesen auf den drei Kontinenten sein Leben als Magier fristet, doch diese Vermutung könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Natürlich haben die meisten Kinder der drei Geschwister die Fähigkeit, den ein oder anderen kleinen Zauber zu wirken, doch zu wahrer Größe sind nur Wenige bestimmt. Der größte Teil der Wesen Shaylin'sayas nimmt das Geschenk der Magie also nicht an oder ist sich dessen nicht bewusst, außer es geschieht etwas, das diese Magie zum Leben erweckt und das Teil seiner unausweichlichen Bestimmung ist.
Es ist jedoch sehr, sehr selten, dass Magie auf diese Weise zum Leben erweckt wird und so stark in einem Wesen ist, dass es ihr auch dann nicht ausweichen kann, wenn es nur eine schwache Hingabe an die Götter verspürt. Diese Kinder der Götter haben meist eine schwere Aufgabe zu bewältigen, die für den Fortbestand der Welt notwendig ist und die ihnen selbst dann die Magie schenkt, wenn die Götter dies ablehnen würden. Eine solche Gabe entsteht dann, ohne dass sie sich dessen bewusst sind oder diese beeinflussen können aus der Welt selbst.
Nur die Wenigsten sind dazu geboren, gegenüber ihren Göttern eine solche Hingabe zu verspüren, dass ihr magisches Talent auch wirklich erblühen und wachsen kann. Es ist nicht genug, einfach zu glauben und an jedem Tag seine Gebete zu sprechen, denn ein Magier muss sein Leben vollkommen seiner Gottheit widmen und darf kein anderes Wesen über diese stellen. Liebe ist im Leben eines wahrhaftigen Magiers - oder Priesters - ein Element, das nur der eigenen Gottheit gelten darf und nicht selten geht ein solcher niemals eine Beziehung zu einem anderen Wesen ein, aus Furcht, dadurch etwas von seiner Macht einzubüßen und seiner Gottheit untreu zu werden.
Lediglich die Dar'sshin haben einen Weg gefunden, um dies zu umgehen, denn die Männer dieses Volkes haben ihre Magie freiwillig aufgegeben, um das Geschenk der Liebe nicht zu verlieren. Sicherlich gibt es jedoch von Zeit zu Zeit einen Dar'sshin, der dies bitter bereut und den Priesterinnen der Asha ihre Macht neidet - und so entstammen viele der abtrünnigen Magier, die sich dem Schatten zugewandt haben, den Männern dieses Volkes.
Ja, der Schatten verspricht schnelle Macht ohne Reue - doch die Abtrünnigen können nur im Verborgenen agieren, glauben, dass sie einen Weg gefunden haben, die Götter zu umgehen, um ihre Magie auszuüben. In ihrer Arroganz und in ihrer Verblendung, die das Streben nach Macht mit sich bringt, übersehen sie jedoch, dass auch der Schatten seinen Tribut fordert und ihre Magie aus ihnen heraussaugt, bis nur noch eine leere Hülle und der blanke Wahnsinn zurückbleiben. Die Macht, die der Schatten gibt, ist eine Imitation der Magie, die zwar scheinbar starke Effekte hervorrufen kann, deren Preis jedoch zu hoch ist.

Die Art der Magie, die ein Wesen erhält, wenn es den Weg eines Priesters einschlagen möchte, hängt von dreierlei Komponenten ab - seinem Volk, seiner Gottheit und deren Element und seiner eigenen Individualität. So wird also ein Kind Dianares sich der Natur verbunden fühlen, ein Kind Ashas dem Feuer und ein Kind Syans dem Wasser und der Luft, ebenso, wie sie eine starke Zugehörigkeit zu der Sonne, dem Mond oder den Sternen verspüren, die auf ihre Magie Einfluss nehmen. So wird sich ein Anwender der Mondmagie am Tage schwächer fühlen, ein Anwender der Sonnenmagie in der Nacht, während Dianare den Ausgleich schafft und die Waage zwischen Beiden hält.
Welche Talente ein Wesen jedoch am Ende besitzen wird, hängt von seiner eigenen Individualität ab.