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Das Orakel von Valorin'vea
Ist es nicht merkwürdig, dass die Götter Shaylin'sayas ein einfaches Orakel fürchten? Ein Wesen, das sie selbst erschaffen haben?
Nun, womöglich sind die Antworten auf diese Fragen weitaus einfach zu finden, als man zunächst denken sollte. Das Orakel wurde von den drei Geschwistern als ein Instrument zur Erhaltung des Friedens und der Neutralität erschaffen, doch wer hätte angenommen, dass es selbst die Götter in ihren Absichten behindern könnte? Ja, die Pflichten des Orakels enden nicht bei den Völkern dieser Welt, denn es dient ebenso dazu, den Frieden zwischen den Göttern zu sichern.
Was zunächst recht unklar erscheinen mag - wie sollte ein solches Wesen schließlich einen Gott bezähmen? - wird deutlicher, dass das große Orakel von allen Göttern gemeinsam erschaffen worden ist.
Jeder von ihnen gab einen Teil seiner Macht, um das Orakel zu erwecken und um zu sichern, dass es keine Möglichkeit geben würde, sich ihm zu entziehen. Das Orakel ist also zuerst ein Symbol für den Pakt zwischen den Dreien, das Zeichen des Friedens zwischen Sonne, Mond und Sternen und ihrer gemeinschaftlichen Herrschaft einer Welt, die keiner von ihnen allein erschaffen konnte.
Der Versuch, ein solches Symbol zu zerstören, hätte unweigerlich einen Krieg zwischen den Göttern zur Folge, denn die Absicht dahinter könnte niemals verborgen werden. Der Untergang einer Welt, die kein Gott ohne den anderen erhalten kann, wäre das sichere Ergebnis.
Zudem kann keiner der Drei das Orakel alleine zerstören - was Drei gemeinsam erschaffen haben, kann auch nur von allen Dreien wieder zerstört werden. Und auch hier greift wieder eine Sicherheitsmaßnahme - denn die Zerstörung des Orakels würde allen drei Göttern Schaden zufügen und sie schwächen.
Es ist schwer, einen plausibel erscheinenden Grund für eine solche Tat zu finden da keines der Geschwister selbst unter dem Einfluss des Schattens seine Welt verlieren möchte oder Wert darauf legt, sich nachhaltig zu schwächen, müssen sie hier subtiler vorgehen. Der unterschwellige Intrigenkrieg, der Shaylin'saya seit dem Eintreten des Schattens in die Welt in seinen Klauen hält, ist hier das Resultat der Versuche, an Macht zu gewinnen.
Oh ja, es gilt, die Macht über die anderen Götter zu erlangen, ohne diese zu zerstören - denn ihre Zerstörung bedeutet die Herrschaft über eine Welt, die dem Untergang geweiht ist.
Natürlich haben die Geschwister bei allen guten Absichten niemals vergessen, sich Möglichkeiten offen zu halten und so hat bei der Erschaffung des Orakels jeder von ihnen dafür gesorgt, sich einen gewissen Spielraum zu erhalten - Orte, die das Orakel nicht durchdringen kann und für die es blind ist.
Doch so wichtig die gegenseitige Kontrolle der Götter auch erscheint, so hat das Orakel doch vorrangig eine ganz andere Funktion - die Erhaltung des Friedens unter den Völkern dieser Welt. Zu diesem Zweck müssen alle Prinzen und Prinzessinnen, sowie alle Adeligen aller Völker dem Orakel für einen Ablauf der Jahreszeiten dienen. Diese Zeit beginnt am 10. Tag ihrer Volljährigkeit.
Zu Beginn seiner Zeit auf Valorin'vea erhält jeder Dienende während einer feierlichen Zeremonie einen Namen von dem Orakel, den er während der gesamten Dienstzeit an Stelle seines eigenen tragen muss. Der wahre Name darf erst wieder ausgesprochen werden, wenn der Dienst beendet ist - zu diesem Zweck löscht ein Zauber den wahren Namen eines Wesens bis zum Ende des Aufenthaltes auf der Insel aus seinem Gedächtnis.
Diesem so genannten Orakelnamen wohnt eine seltsame Macht inne, die es dem Orakel erlaubt, seinen Träger jederzeit zu sich zu rufen oder auch anderweitig Kontakt zu ihm her zu stellen, ihm Träume und Visionen zu senden. Einem solchen Ruf muss unbedingt Folge geleistet werden.
Die Zeit des Dienstes auf Valorin'vea ist eine Zeit des Lernens, während der alle Diener gleich sind. Dies wird schon alleine durch die weißen Gewänder angezeigt, die hier jeder tragen muss - denn schließlich kommt man traditionell ohne eigenen Besitz auf der Insel an, so nackt, wie man von den Göttern geschaffen worden ist.
Hier gibt es weder Rang, noch Namen. Es wird gelehrt, stets den Frieden zu wahren und Wissen aus den eigenen Fehlern zu erlangen.
Der Wert eines Wesens wird an seinen Taten gemessen, nicht an der Stellung, in die er hineingeboren worden ist.
In Aufgaben und Prüfungen lernen die Dienenden, das Wesen der anderen Völker zu erfahren und gemeinsam etwas zu erreichen, ihre Talente, die für das gemeinsame Überleben notwendig sind zu schätzen. Viele Aufgaben sind alleine nicht lösbar, andere lehren das Individuum Dinge über sein eigenes Wesen. Nicht wenige müssen in dieser Zeit ihre dunkelsten Seiten erkennen und lernen, mit ihnen zu leben.
Am Ende der Dienstzeit muss schließlich ein Eid geleistet werden. Dieser Eid beinhaltet Treue zum Orakel und zu seinen Lehren, ebenso wie den Schwur, alle Völker stets als ebenbürtig zu betrachten und den Frieden zu wahren. Dieser Eid darf niemals offen gebrochen werden. Geschieht dies doch, so folgen harte Strafen und der Ausstoß aus der Gemeinschaft des Volkes. Es ist allerdings unnötig zu erwähnen, dass der Eid dennoch auf vielerlei Wegen gebrochen wird.
Das Orakel von Valorin'vea ist eine Wesenheit ohne erkennbares Geschlecht. Es erscheint als durchscheinende Gestalt, die über einem großen Becken mit heiligem Wasser schwebt und dieses niemals verlässt. Weiße Gewänder, die ebenso durchscheinend sind wie das Orakel selbst, hüllen seine Gestalt ein und weißes Haar fließt in Wellen um seinen schlanken Körper herum, ist ständig in Bewegung, ohne jemals Ruhe zu finden.
Weitere Becken, die diesem einen nachempfunden worden sind, befinden sich in allen Tempeln Shaylin'sayas und ermöglichen es den Dienern des Orakels, sein Wort zu jeder Zeit zu vernehmen und zu verbreiten.
Diese Diener sind von ähnlicher Gestalt wie das Orakel und besitzen selbst keinerlei Emotionen, sind ebenso unbestechlich wie das Orakel selbst. Die Diener des Orakels sind magisch erschaffene Wesen, die man zwar töten kann, die jedoch niemals auf natürliche Weise geboren werden. Sie erwachen dann, wenn das Orakel nach ihnen ruft und ihrer bedarf.
Das Orakel kann alles sehen. Anders als die Ashai kann es nicht nur in die Zukunft sehen, sondern kann auch die Gegenwart zu jeder Zeit beobachten. Dabei ist es nicht auf Visionen angewiesen, sondern besitzt diese Fähigkeit zu jeder Zeit.
Es mahnt, die Fehler der Vergangenheit nicht zu vergessen, erinnert an eigene Schwächen und warnt vor Gefahren, die die Zukunft mit sich bringen kann - ganz so, als sei es die Stimme der Vernunft, die stets in den Köpfen der Herrscher Shaylin'sayas wohnt.
Allerdings darf sich das Orakel niemals einmischen oder das Geschehen aus eigenem Willen beeinflussen - dafür haben die Götter schon bei seiner Erschaffung Sorge getragen. Die Warnungen und die Antworten des Orakels sind normalerweise kryptisch und rätselhaft. Niemals sind sie wirklich deutlich zu verstehen oder sicher zu deuten - doch man sollte dennoch immer genau zuhören, wenn das Orakel etwas mitzuteilen hat.
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